Indien - Reisegruppe 2016

Texte und Bilder von Jonas Timmerhues

Von Vielfalt und Vorfreude

Jonas Timmerhues wird uns ab dem 03. Oktober regelmäßig Berichte von der Indienfahrt einiger Gemeindemitglieder schicken. Vorab hat er uns einen Überblick über die bevorstehende Fahrt zusammengestellt:

Foto: Pixabay

Es ist kaum zu glauben, doch schon am Sonntag beginnt meine Reise nach Indien – und doch: Jetzt sind alle Visa ausgestellt, alle Impfungen erledigt, alle Reiseversicherungen abgeschlossen und alle Koffer stehen bereit. Ab Sonntag stehen zwei Wochen Indien auf dem Plan – und die Vorfreude steht allen Mitgliedern unserer 13-Personen-Reisegruppe ins Gesicht geschrieben: Viele fahren nicht zum ersten Mal mit, sondern waren schon häufiger dort, und freuen sich, altes wieder zu entdecken und neues kennenzulernen.

Ich hingegen war noch nicht in Indien – ganz im Gegenteil: Der Hinflug wird beispielsweise mein erster Flug überhaupt sein, über 6 Stunden dauern und von Frankfurt nach Dubai führen, von wo aus ein zweiter Flug uns dann schließlich nach Delhi bringen wird. Wird sind einige Stunden unterwegs: Um halb 8 werden wir aus Borghorst mit dem Auto nach Dortmund gebracht, von wo aus ein Zug nach Frankfurt fährt. Die Ankunft in Indien ist für 9:25 geplant.

„Unity in Diversity“ – Einheit in Vielfalt. Dieses Motto wird oft benutzt, um Indien zu beschreiben: Ein Land, in dem knapp 1,3 Milliarden Menschen leben, und das eine kaum zu überblickende Geschichte und faszinierend viele Kulturen und Religionen vorweisen kann. „Unity in Diversity“ – das passt aber auch zu unserer Reisegruppe: Lauter unterschiedliche Menschen machen sich auf den Weg, aber alle sind geeint in Vorfreude und der Lust, neues kennenzulernen.

Foto: Pixabay

Vielfältig ist auch unser Reiseplan: Direkt am Montag besichtigen wir die größte hinduistische Tempelanlage, werfen einen Blick auf die Residenz des Präsidenten der größten Demokratie der Welt und kommen am „India Gate“ vorbei. Am Dienstag geht es dann nach Agra, zum Taj Mahal. Ab Donnerstag verbleiben wir vier Tage in Jagdalpur, hier besuchen wir mit Begleitung von Pater Josey Hilfsprojekte der Kirche. Am 10. Tag führt uns ein weiterer Inlandsflug in den Bundesstaat Karnatak, und am 12. Tag steht eine Zugfahrt nach Chennai. Am 15. Tag startet von dort auch der Rückflug nach Deutschland.

Es werden also zwei sehr interessante Wochen werden – Kulturschock inbegriffen. Was mich betrifft, so freue ich mich, das Tor nach Indien zu betreten!

Abreise - und Ankunft

"Hier ist es jetzt 11:20 Uhr - in Deutschland 10 vor 9... aber das interessiert uns jetzt nicht mehr" - darauf weist uns unser indischer Reiseleiter hin, als wir gerade im Bus sitzen, der uns in das Hotel bringt. Über 24 Stunden Anreise liegen jetzt hinter uns - zum Glück ist alles reibungslos verlaufen: Keine Probleme mit  dem Gepäck, alle Visa wurden akzeptiert, keine Verspätungen. Auch der sechs Stunden andauernde Flug nach Dubai im A380 verging dank des Entertainment-Systems im Flugzeugsitz sehr schnell. Apropos Dubai: Wer sich einmal wirklich verlieren vorkommen möchte, sollte den Flughafen in Dubai aufsuchen - dieser ist einfach nur riesig und kaum zu überblicken. Die dubaische Außentemperatur von 35°C mit drückend hoher Luftfeuchtigkeit wird dabei erfolgreich aus dem Gebäude verbannt und lässt sich nur während des Bus-Transfers zum Anschlussflug erleben. Neben Crambled Eggs und Leitungswasser in Plastikdosen bleibt von diesem Flug vor allem der kitschig-schöne Sonnenaufgang über dem Meer in Erinnerung.

"Drive slowly - Life is preacious!"

"Ungewohnt, oder?" - so kommentiert unser Reiseführer das Verkehrsvorkommen in Neu-Delhi. Um es vorweg zu nehmen: Der Verkehr in Indien ist genau so, wie man ihn sich vorstellt: Voll, laut, dreckig. Die Hupe ist hier so wichtig wie das Gaspedal (während Blinker nicht zu existieren scheinen), und wer bremst, verliert. Außerdem ist keine Lücke zu klein, als dass kein Fahrrad oder gar ein Tuk-Tuk noch hinein passen würde. Zusätzlich zum ruppigen Verkehr bietet unser Bus noch zwei tolle Extras: Er besitzt die nervigste Hupe des asiatischen Kontinents und schüttelt uns alle selbst auf den neuesten Straßen so durch, als ob wir über das Kopfsteinpflaster vor der Nikomedeskirche rasen würden. Ich bin auf jeden Fall froh, dass ich nicht fahren muss, sondern dass der Busfahrer das übernimmt - ich glaube, mir wäre der Linksverkehr schon verwirrend genug.

Aber es funktioniert!

Auf den ersten Blick scheint hier in Indien alles ähnlich zu funktionieren, wie der Verkehr: Regeln scheint es nicht wirklich zu geben, alles ist irgendwie durcheinander - aber: alles funktioniert. Kühe auf der Straße? Kein Problem. Der Bus ist voll? Kein Problem, dann bleibt die Tür halt auf. Es gibt keine Stützen mehr für den Hausbau? Alles klar, dafür kann man auch Baumstämme nehmen. Und Baustellenteile kann man auch auf dem Fahrrad transportieren.

Barfuß in der Küche

Nach einer kurzen Zeit des Ankommens im Hotel steht die erste Stadtrundfahrt auf dem Plan. Hauptstation: Der größte Sikh-Tempel der Stadt. Dieser kann natürlich nicht einfach so betreten werden: Die Köpfe müssen bedeckt und Schuhe und Socken ausgezogen werden - dann darf man die Anlage betreten. Komplett in weißem Marmor gehalten beeindruckt der Tempel uns alle sehr: Hinter dem großen Eingangstor steht die Gebetshalle (in der das Fotografieren verboten ist), die reich ausgeschmückt ist mit Gold und Ventilatoren (die Temperatur beträgt immerhin 34C). Rechts neben dem Gebetsraum befindet sich der Teich der Tempelanlage: Für viele Sikhs ein besonderer Ort, schließlich ist er mit heiligem Wasser gefüllt.

Zweimal am Tag wird ein kostenloses Essen angeboten: Dutzende Freiwillige helfen dabei, das ungesäuerte Brot, die Kartoffeln und die Zwiebeln zuzubereiten. Wir werfen einen Blick in die Küche,, in der alles gekocht wird - natürlich barfuß. Die 34°C Außentemperatur werden hier durch die riesigen, feuerbeheizten Kessel locker getoppt. Lautsprecher sorgen dafür, dass sogar hier, wie überall auf der Anlage, die Gebetsmusik aus der Gebetshalle zu hören ist.

Nach dem ersten Tag ist klar: Indien ist eine neue Welt, ein einziger, großer Kontrast zu der Lebenswelt, die wir kennen. Und es gibt noch viel zu sehen in den kommenden zwei Wochen...

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Hitze und Schneekugeln

Schlaf - selten hatte ich ihn so nötig wie am Montagabend. Schon während der Fahrt zum Hotel bin ich kurz eingenickt - ganz zu schweigen von der Stadtrundfahrt danach. Am Dienstagmorgen um 6:30 Uhr reißt mich dann der Wake-Up-Call (Weckruf) aus dem Schlaf, um 8 Uhr fährt schließlich schon der Bus. Heute findet unser Programm nämlich nicht in Delhi, sondern in Agra statt - und bis dahin sind es erst mal 4 Stunden Busfahrt. Also auf in den hupenden Verkehr und rauf auf die neue Autobahn. Warum fährt man nach Agra? Dort gibt es  das Wahrzeichen Indiens zu sehen: Das Taj Mah​al.

Marmornes Grabmal

Schon auf dem Parkplatz des Taj Mahals wird man von Souvenirhändlern begrüßt. Aber für uns bleibt kaum Zeit, Taj Mahal-Schneekugeln zu kaufen, da ein kleiner battery-powered Bus (Elektrobus) schon darauf wartet, uns zu einem der drei Eingangstore zu bringen."Man muss sich immer anstrengen, um Schönheit zu entdecken". Mit dieser Begründung erklärt der Reiseleiter, warum so viel Entfernung zwischen dem Eingangstor und dem eigentlichen Mausoleum liegt. Doch es lohnt sich, diese Anstrengung auf sich zu nehmen: Nicht umsonst zählt das Taj Mahal, das über 20 Jahre lang erbaut wurde und 20.000 Arbeiter benötigte, zu einem der Höhepunkte muslimischer Baukunst.

Die größere Anstrengung ist hingegen das Wetter: 35°C sind selbst für Indien im Oktober nicht normal, und so läuft der Schweiß in Strömen. Wohlweißlich bekommt man zur Eintrittskarte einen halben Liter Wasser dazu. Interessant sind auch die Oversocks (Überziehschuhe), die alle Besucher anziehen müssen, um den weißen Marmor zu schützen.

Marmorne Festung

Die zweite Station in Agra ist das Agra Fort, eine Festungsanlage aus dem 16. Jahrhundert. Das Fort Agra ist ein gigantisches Bauwerk: Kilometerlang schlängen sich die sandsteinfarbenen Mauern hinter dem Wassergraben (der einen entsetzlichen Gestank verbreitet), und hinter diesen Mauern tauchen immer neue Tempel, Hallen & Moscheen auf. Auch das Gefängnis des Erbauers des Taj Mahal findet sich hier: Natürlich in weißem Marmor gehalten und reich an Details - und mit Blick auf das Taj Mahal.

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Ruinen und Wassershows

Alte Steine

Über 70 Meter ragt das höchste aus Stein erbaute Minarett der Welt in den Himmel - dieser Fakt wäre an sich schon Grund genug, den Qutb-Minar, Teil des Qutb-Komplexes, zu besuchen. Eine weitere Besonderheit ist aber, dass dieses Bauwerk bereits seit dem 13. Jahrhundert existiert! Der Qutb-Komplex besteht aber nicht nur aus dem Minarett, sondern aus einer Vielzahl antiker Gebäude und Objekte. Für uns gibt es nur ein Problem - zu wenig Zeit: Immer neue Ruinen, Moscheen, Minarette und jahrhundertealte Eisensäulen gibt es zu sehen, und gerade für Fotographen ist dieses Weltkulturerbe der Himmel auf Erden. Aber der Zeitplan ist eng, und die nächste Station unserer Tour lässt nicht auf sich warten.

Fremde Welt

Fotos konnte ich hier nur mit meiner Kamera, nicht mit dem Handy machen. Die Fotos reiche ich später nach.
Geballtes Leben und einen riesigen Realitätsabgleich zu der uns bekannten, westlichen Welt bietet uns unser Reiseführer auf dem Weg zur Jama Masjid, der größten Moschee Indiens, als er keinen direkten Weg aussucht, sondern die Gruppe durch die engsten Gassen Alt-Delhis führt. Die Straßen zwischen den Häusern werden immer enger, je öfter wir abbiegen (wobei natürlich noch die kleinste Gasse nicht zu klein für Motorräder ist). Jeder Platz wird genutzt: Für Häusereingänge, kleine Geschäfte,... Jeder Meter bietet neue Gerüche - angenehme, aber auch sehr unangenehme. Einheimische Jugendliche weisen mich darauf hin, meine Kamera besser einzupacken, damit sie nicht geklaut wird. Soviel Enge, so viele Gerüche, so viele Kabel über meinem Kopf - und auch soviel Armut an einem Platz habe ich noch nicht erlebt. Dies ist tatsächlich ein Platz, an dem man nicht von seiner Gruppe getrennt werden möchte und froh um einen Reiseleiter ist, der sich auskennt. Trotzdem ist dies eine Erfahrung, die man gemacht haben sollte, und die auf jeden Fall zu Nachdenken anregt.
Als wir durch die Gassen hindurch sind, öffnet sich das  Gate zur größten Moschee Indiens. Bis zu 20.000 Gläubige finden auf dem Vorplatz Platz, dieser ist auch der größte Teil des Moscheekomplexes, der zur selben Zeit wie das Taj Mahal errichtet wurde. Männer müssen hier die Schuhe ausziehen, Frauen zusätzlich noch Oberhemden anziehen - wir denken lieber nicht über die Hygiene von diesen nach.

Neue Attraktion


Fotografieren ist hier leider nicht erlaubt.
Metallzäune weisen den Weg zu den Sicherheitskontrollen. Man kann Tickets für die große Wasser- und Lichtshow auf einem See kaufen. Neben der Snackbude befindet sich der Souvenirladen. Es gibt eine 15 Minuten lange Bootsfahrt. Auch wenn es so klingt: Wir befinden uns nicht in einem Freizeitpark, sondern in Akshardam: Der weltweit größten hinduistischen Tempelanlage, die seit 2005 besteht. Aber auch wenn die 20.000 Statuen und unzählbar vielen Kuppeln und Gottesabbildungen uns vom Gegenteil überzeugen wollen: Für unsere Gruppe fühlt sich Akshardam nicht nach einem Gotteshaus, sondern eher nach einer Touristenattraktion an.

Etwas Ruhe


Delhi ist eine sehr laute Stadt - das lässt sich bei 13 Millionen Einwohnern auch wohl kaum verhindern: Von irgendwoher tönt Musik, Menschen unterhalten und streiten sich, und das Klingen der Autohupen ist sowieso omnipräsent. Beinahe hat man sich schon daran gewöhnt. Unser Besuch im Lotus-Tempel bietet allerdings eine Abwechslung: Im Zentrum des Tempels ist sogar die Benutzung von Smartphones und Kameras streng verboten. Hier gibt es tatsächlich - Ruhe.
Und auch sonst setzt sich der Tempel von dem, was wir bisher gesehen haben, ab: Ganz anders als die jahrhundertealten Weltkulturerbestätten wirkt dieses 1983 aus Marmor und viel Beton gebaute Gebäude, das ein wenig an das Opernhaus Sidney erinnert. Religiös betrachtet ist der Tempel Versammlungsort der  Bahai, eine Religion, die an die spirituelle Einheit aller Religionen glaubt.

Fremde Europäer

Zum Abschluss des Tages spalten sich zwei Mitreisende und ich von der Gruppe ab und erkunden die Gegend um unser Hotel zu Fuß. Den Verkehr Delhis zu Fuß zu erleben, ist nochmal etwas ganz anderes. Hier gilt: Augen zu und durch! Wir finden einen Straßenmarkt, auf dem die verschiedensten Dinge verkauft werden: Früchte, Elektroteile, Autoteile, lebendige und nicht mehr lebendige Hühner (die dann aber von sehr lebendigen Fliegen bevölkert werden). Als gefühlt einzige Europäer auf dieser Straße werden wir oft interessiert angeschaut. Ein wahnsinnig spannender Weg! Für den Rückweg nehmen wir ein Tuk-Tuk, das uns rasant, waghalsig, aber doch kompetent zum Hotel bringt. Tatsächlich fühlt sich Tuk-Tuk-fahren ein bisschen an wie das Fahren in einer Geisterbahngondel an: schnell, klein - und mit waghalsig engen Kurven.

Das war Delhi


Drei Tage Delhi liegen jetzt hinter uns - diese Zeit kann kaum reichen, um diese Stadt auch nur annähernd zu begreifen. Alleine die Größe: Gefühlt haben wir nicht einmal dieselbe Stelle wieder gesehen. Aber das, was wir gesehen haben, erklärt, warum Indien so oft als eine "ganz andere Welt" beschrieben wird: Soviel Kultur,  soviel Verkehr, soviele Sprachen, so viel zu sehen, soviel Armut. Gar nicht vergleichbar mit der Welt, die man selber kennt...

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Serpentinen und Turbulenzen

Fasten your seatbelts!

12:50 Uhr: Der Airbus A320 hebt vom Flughafen Delhi in Richtung Raipur ab. Dieses Mal dauert der Flug aber nicht 6 Stunden wie von Frankfurt nach Dubai, sondern nur knapp eineinhalb Stunden. Trotz leichter Turbulenzen bleibt der Überflug sehr entspannt und ohne große Besonderheiten.

Begegnung mit einem Bekannten

Direkt vor dem Terminal wartet schon der Provinzobere Pater Josey darauf, uns zu begrüßen und nach Jagdalpur, dem nächsten Ziel zu bringen. Für viele Mitreisende ein freudiges Wiedersehen: 11 Jahre ist es schon her, dass er für längere Zeit in Borghorst gewesen ist. Schnell werden die Koffer auf einen kleinen Bus und einen Jeep aufgeteilt und verladen, damit es zügig losgehen kann.

Mittagessen im Kloster

Bevor die große Autofahrt losgeht, wird allerdings noch das seit einigen Jahrzehnten bestehende Franziskanerkloster in Raipur besucht - und natürlich haben es sich die Schwestern nicht nehmen lassen, ein großes Mittagessen vorzubereiten: Es gibt Fladenbrote, Ananasmarmelade, Gefügel, sehr süße, leckere Bananen, natürlich scharfe Soße und - passend für die deutschen Gäste - Kartoffelsalat. Satt und froh über die Gastfreundschaft verabschieden wir uns.

Nachtfahrt durch den Dschungel

"Hier gibt es nicht so viele Autos auf der Straße, sondern mehr Kühe!" - Tatsächlich sind hier Kühe so selbstverständlich wie in Deutschland Hunde, und auch der Verkehr ist hier kein Vergleich mehr mit dem in Delhi (was natürlich nicht heißt, dass man nicht trotzdem hupen kann). Die Gegend wird eindeutig ländlicher: Weniger Menschen, weniger Häuser, mehr Reisfelder.
Vor uns liegen 8 Stunden und 300 Kilometer Fahrt. Der Weg führt durch unzählige kleine Dörfer und Städte. In jedem Ort gibt es Vorbereitungen für das hinduistische Lichterfest zu sehen: Lauter leuchtende und blinkende Tempel, laute Musik, hunderte Lichterketten und hunderte Menschen, die ihre Götter anbeten. Langsam geht die Sonne unter, und in der anbrechenden Dunkelheit wirken die Tempelfeste noch mehr.
Gleichzeitig beeindruckt die Straße auf eine andere Weise: Unbeleuchtete Fahrradfahrer stellen sich dem Nachtverkehr, wahnsinnige Überholmanöver wechseln sich mit unberechenbaren Schlaglöchern und sogenannten Speedbreakern (kleine Huckel auf der Straße, vor denen definitiv abgebremst werden muss) ab. In einem Dorf trinken wir einen Chai-Tee mit Koriander, Milch und Zucker. Danach verändert sich die Landschaft erneut: Dicht bewachsen, engere Straßen. Und dann kämpfen wir uns mit unserem Bus Serpentinenstraßen im Dschungel hoch - doch selbst in den engsten und steilsten Kurven kann man noch überholen und überholt werden.

Angekommen

Dann, um kurz vor Mitternacht, kommen wir in Jagdalpur an und werden in unserer Unterkunft Nirmal Sadan erneut freundlich von den Priestern und Paten begrüßt - auch hier gibt es für viele ein freudiges Wiedersehen mit alten Bekannten. Doch nach einem kurzen, leckeren Abendessen wollen jetzt alle nur noch: Ins Bett!
Und als dann noch im Regen der Strom für mehrere Stunden ausfällt ist klar, dass wir von dem Hotel in Delhi weit entfernt sind.

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Kontraste

¡Buenas Noches!

Der Tag beginnt früh - eher mitten in der Nacht: Das Licht springt an, der Ventilator surrt vor sich hin. Es ist halb 3, und der Strom ist wieder da. Bis zum Frühstück um 8 ist es aber noch etwas Zeit, und so sind uns noch einige Stunden Schlaf auf den dünnen Matratzen möglich. Sehr wichtig sind hier auch die Moskitonetze, die sich prinzessinenzeltähnlich an den Betten ausbreiten. Zusammen mit dem allgegenwärtigen Geruch von Autan und Mückenstiftpens bilden sie einen wirksamen Mückenschutz, der auch nötig ist - Ich habe mir zum Beispiel noch am ersten Abend einen schönen Stich zugelegt.
Abseits der Straße
Nach dem ausgiebigen und sehr leckeren Frühstück steigen wir in den Bus: Unser erstes Ziel liegt etwa 50km von Jagdalpur entfernt. Etwa auf der Hälfte der Strecke fährt der Bus von der Straße ab - wir legen eine kleine Pause ein. Doch nicht an irgendeinem Ort: Wir stehen auf einer Klippe, neben uns ein Wasserfall, unter uns steile Felsen und vor uns der indische Dschungel, der im Horizont verschwindet.

Auf dem Land

Schon von weitem entdecken wir unser Ziel, eine Dorfschule, die auch ärztlicher Betreuung Platz bietet. Viele Hundert Menschen stehen bereit, um uns zu begrüßen. Viele tragen bunte, traditionelle Gewänder oder stehen auf einer Bambu, einer Art Stelzen. Klänge von Trommeln und uralten Tänzen liegen in der Luft. Die Menschen hier zählen zu den Ureinwohnern Indiens und leben ein sehr naturverbundenes Leben - zwangsweise. Die Menschen, die hier leben, gehören zu den Ärmsten der Armen. Sie leben vereinzelt in einfachsten Hütten, verteilt in der Umgebung (ein richtiges Dorf als Ansammlung mehrerer Hütten existiert nicht). Vielen fehlt es am Allernötigsten, Unterernährung ist ein großes Problem. Die Schule, die wir besuchen und die auch teilweise mit Spendengeldern aus Steinfurt finanziert wird, versucht hier, Abhilfe zu schaffen. Heute findet allerdings kein Unterricht, sondern eine kostenlose allgemeinärztliche Untersuchung statt. Alle drei Monate gibt es dieses Angebot. Das heißt: Diese Menschen haben nur viermal im Jahr die Möglichkeit, sich von Ärzten untersuchen zu lassen. Vier Ärzte mit unterschiedlichen Schwerpunkten untersuchen die Menschen; liegt ein Verdacht auf eine schwere Erkrankung vor, werden sie in das nächste Krankenhaus gebracht. Medikamente werden direkt hier verteilt. Probleme mit den Bronchien aber auch sexuell übertragbare Krankheiten kommen hier durchaus vor. Am Ende des Tages werden über 500 Menschen - von jung bis alt - dieses Angebot angenommen haben. Angesichts all dieser Armut sind wir alle umso mehr von der Gastfreundschaft und der allgemeinen Freundlich- aber auch Zufriedenheit beeindruckt. Der Einblick in die Kultur und die Traditionen der Menschen - aber auch ihr Leiden - zeigt noch einmal eine ganz andere Seite von Indien.
An dieser Stelle zeigt sich auch die Wichtigkeit von Bildung: Viele der Menschen wollen bei Krankheit gar keine ärztliche Behandlung, sondern vertrauen ihr Leben lieber abergläubischen Ritualen an.

Ein Mittagessen im Garten

Wir brechen auf und fahren mit dem Bus 10 Minuten weiter und biegen erneut von der "Hauptstraße" ab auf einen kleinen Feldweg. Dort liegt ein Priesterwohnheim, das vor einigen Jahren quasi in die Wüste gebaut wurde und in dem auch die Schwestern leben, die die Schule betreiben. Heute hat sich die Umgebung geändert: Mangobäume, Kokosnüsse, Papayabäume - und auch gigantische Spinnen. Der Kontrast zu dem, was wir vorher erlebt haben, könnte kaum größer sein, als uns Nonnen zum Mittagessen einladen: Hier ist es unmöglich, nicht satt zu werden. Das Essen: typisch indisch. Reis mit Rosinen, Bananen und Papayas, Nudelgerichte - und Pommes. Und das Klima erlaubt sogar, dass wir draußen essen können.

Fallendes Wasser

Auf dem Rückweg macht es sich bemerkbar, dass in Jagdalpur die Regenzeit noch andauert. Und so steigen wir bei unserer letzten Station im strömenden Regen aus. Passenderweise ist diese letzte Station ein Wasserfall - und zwar ein wesentlich größerer als der erste am Morgen. 29m tief fällt das Wasser im Chitrakot-Wasserfall, dem breitesten Wasserfall Indiens.

Kontraste

Der heutige Tag hat noch einmal gezeigt, dass Indien, trotz der unfassbaren Natur, ein Land voller großer, auch schrecklicher Kontraste ist. Dieses Leben unterscheidet sich auch maximal von dem Mitteleuropäisch-Privilegierten Leben - und legt den Blick auf das wirklich Wichtige.

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Priester und Tänze

Stippvisiten in Chhattsgarh

Heute wurden viele Einrichtungen und Hilfsprojekte der Provinz Jagdalpur besucht. Viele dieser Projekte entstanden mithilfe der vielen Spenden aus der Gemeinde St. Nikomedes.

Der Ernst des Lebens

Als erstes besuchen wir die Schule Vidya Jyoti in Jagdalpur. Über 800 Schüler besuchen diese täglich. Hier werden wir feierlich von der Marching Band der Schule, die auch akrobatische Tanzeinlagen liefert, begrüßt. Die Vorstellung der Schülerzeitung liefert Einblicke in das Schulleben. Direkt neben der Schule befindet sich das Christ College, in dem bspw Computertechnik oder Lehramt studiert werden kann. Freundlicherweise werden wir hier auch zum Abendessen eingeladen.

Junge Priester


Etwas außerhalb von Jagdalpur besuchen wir ein Priesterseminar, in dem ca. 15 Jugendliche leben und noch am Anfang der 15 Jahre andauernden Priesterausbildung stehen. Bei indischer Cola, Mangolimonade und Oreokeksen zeigen sie uns ihre Einrichtung.
Und nicht nur das: Um den ersten Einblick in das Bollywood-Indien zu bekommen, zeigen uns die Priesteranwärter mehrere Tänze. Tanzende Jungs sind in Indien keine Seltenheit: Bei allen Tanzvorführungen, die wir sehen, sind Jungs selbstverständlich dabei.

Im Frauenhaus

Nur einige Minuten Fahrt von dem Seminar entfernt treffen wir an einem Frauenhaus ein. Frauen, die sonst auf der Straße leben würden und/oder geistige Beeinträchtigungen haben, können hier leben und haben die Möglichkeit auf ärztliche Betreuung.

Nähmaschinen und Druckerpressen

Um Menschen, die keinen Bildungsabschluss und somit kaum eine reelle Chance auf ein einträgliches Leben haben, kümmert sich eine Werkstatt - unsere nächste Station. In vier Sparten (Druck, Kleiderherstellung, Holz- und Metallverarbeitung) bietet die Werkstatt Arbeitsplätze und vielleicht den Sprung in ein besseres Leben. Auf uns wirkt dieser Besuch angesichts der Druckerpressen, Nähmaschinen und traditioneller Holzverarbeitungsmethoden auch ein wenig wie eine Zeitreise. Ebenfalls zur Werkstatt gehört ein kleiner Affe - der aber leider nicht mit unserer Reisegruppe auf Tuchfühlung gehen wollte.
Unterstützt wird dieses Projekt von der Kolpingsfamilie Borghorst.

Lebenswichtige Unterstützung

Zuletzt besuchen wir das Asha Asram - das "Haus der Hoffnung". Vor einigen Jahren ist dieses von Pater Kuriam ins Leben gerufen worden, der seine Lehrtätigkeit als Theologieprofessor abgebrochen hat, um sich um geistig- und körperlich beeinträchtigte Kinder und Jugendliche zu kümmern (und der auch mit Mutter Theresa zusammengearbeitet hat). Diese Kinder werden in Indien oft von ihren Eltern verlassen oder direkt zum Haus der Hoffnung gebracht. Hier werden sie ärztlich betreut und haben die Chance, ein würdevolles Leben zu führen. Nach einigen Umzügen ist das Haus der Hoffnung nun in einem Neubau untergebracht, in dem sich angemessen um die Menschen gekümmert werden kann. Finanziert wurde dieser Neubau auch durch Spenden aus Steinfurt.

Lebenshilfe

Die Vielfalt der Projekte der Provinz Jagdalpur ist kaum zu überblicken und für unzählige Menschen eine große Erleichterung - durch Bildung, Arbeitsplätze oder ärztliche Betreuung. Ohne die zahlreichen Spenden wäre diese Arbeit so nicht möglich.

 
 

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Schulhäuser und Schlaglöcher

Eingeladen in Dugoli

Es rappelt... und rappelt... und rappelt, als der Bus sich durch die Feldwege, Schlaglöcher und dutzenden Speedbreaker kämpft, die zwischen Jagdalpur und Dugoli, dem heutigen Ziel liegen. 150 Kilometer trennen die beiden Orte, eine Fahrt, die etwa vier Stunden andauert. Am Straßenrand sind oft noch die Überreste des gestrigen Regens zu sehen - der für den Oktober unübliche Starkregen hatte in Jagdalpur am Vorabend ganze Straßenzüge unter Wasser gesetzt.

Heute werden wir zunächst von diesem Regen verschont - bei Regen wären Teile der Strecke aber auch kaum befahrbar gewesen: Auch wenn viele Brücken und Straßen neu gebaut werden, sind viele Straßenabschnitte schlecht ausgebaut. Landschaftlich ist die Strecke beeindruckend: Wir fahren am Dschungel vorbei, über gut gefüllte Flüsse, und Palmen säumen den Wegesrand. Die Dörfer, durch die wir fahren, bestehen aus vereinzelten, einfachen Häusern und Hütten.

Auch Dugoli ist eines dieser Dörfer. Für die Gemeinde St. Nikomedes ist dieses Dorf trotzdem von besonderer Bedeutung: Hier begann die Zusammenarbeit zwischen der Gemeinde und der Provinz Jagdalpur. Im Jahr 2005 konnte das Schulgebäude des Dorfes, das mithilfe vieler Spendengelder aus Steinfurt-Borghorst finanziert wurde, eröffnet werden. Heute erinnert eine Dankestafel am Schulgebäude daran.

Auch in Dugoli werden wir feierlich begrüßt: Es werden Tänze aufgeführt, Geschenke verteilt, eine traditionelle Salbung durchgeführt (hierbei bekommen Gäste etwas Haaröl durch ihre Haare) und ein Gottesdienst gefeiert (der fast zwei Stunden andauert - für dugolische Verhältnisse eine kurze Feier).

Nach dem Gottesdienst wird es Zeit für einen persönlichen Besuch: Pater Theo, der schon seit einigen Jahren in Steinfurt eingesetzt ist, stammt aus diesem Dorf, und so besuchen wir seine Familie, die uns sehr freundlich begrüßt und einlädt.

Durch den Monsum

Zurück in Jagdalpur werden wir am Abend Zeugen des Youth Fest, einer Veranstaltung des Bistums für Jugendliche. 800 Schüler haben sich auf einem Schulhof eingefunden, um auf einer Bühne dem Programm zu folgen, das durch Jugendlichen gestaltet wurde und - natürlich - viel Tanz beeinhaltet. Doch dann, von einer Sekunde zur nächsten, setzt der Regen ein - und was für einer! Das Programm wird unterbrochen und nach einer Begegnung mit dem Bischof freuen sich alle, in ihre Betten fallen zu können; schließlich liegen morgen nochmal 8 Stunden Busfahrt auf der Rückfahrt von Jagdalpur nach Raipur vor uns...

 
 

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Fanta und Studenten

Check out, Check in

5:45 Uhr - der Wake-Up-Call kommt eindeutig zu früh. Aber es hilft ja nichts, zum Schlafen sind wir nicht in in Indien. Also: Frühstück, Check Out im Hotel, Fahrt zum Flughafen Raipur, Check in am Flughafen, Sicherheitskontrolle, Take Off, Zwischenstopp Hyderabad, Ankunft Bengaluru. Inlandsflug Nr. 2 liegt hinter uns.

Ein neuer Bus, eine neue Stadt

Direkt am Flughafen werden wir von unserem neuen Reiseleiter begrüßt, der uns - nach einem kurzen Mittagessen bei Subway - direkt zum Bus führt. Und was für ein Bus: Verstellbare Rückenlehnen und keine Luftsprünge bei Speedbreakern inbegriffen.

Auf der Stadtautobahn weisen riesige Werbetafeln den Weg und machen auf neue iPhones, Filme und Pflegeprodukte aufmerksam. Fast wie in Europa - aber anders als bisher: Oft werden Werbetafeln in Indien aufgemalt, anstatt gedruckt und aufgeklebt. So werden ganze Häuser mit Werbung für airtel und Vodafone vollgemalt. Ungewohnt: Werbung für Zement ist hier überall - angesichts der vielen Baustellen aber auch kein Wunder.

Auf der Autofahrt begegnen uns viele Prozessionen. Das liegt daran, dass heute das hinduistische Maha-Navami-Fest gefeiert wird - ein Nationalfeiertag. Menschen in bunten Kleidern ziehen mit Musik und Statuen durch die Straßen. Aufgrund des Nationalfeiertags kommen wir sogar sehr gut durch den Verkehr - kaum zu glauben nach dem Chaos in Delhi.

Bengaluru wirkt zunächst sehr viel westlicher als Delhi oder Jagdalpur: Der Verkehr läuft geregelter, es gibt zwar immer noch viel, aber deutlich weniger Müll zu sehen, große Hochhäuser mit namhaften Mietern säumen den Weg. Vielleicht haben wir uns aber auch schon schnell an den Indian Way of Life gewöhnt.

Studentenleben

Nach der Ankunft im Hotel besuchen wir das Christ College, die größte, private Universität Bengalurus. Auf dem riesigen Campus sehen wir Klassenräume, Fußballplätze und Pater Theo, selbst ehemaliger Student, trifft alte Bekannte. Das Hauptgebäude ist hingegen menschenleer - dank des Feiertages. Erst, als wir die Treppe in das Kellergeschoss hinabgehen (in der sich die Cafeteria befindet), dringen Stimmen durch das Treppenhaus. Tatsächlich finden wir hier Studenten, die, als sie uns entdecken, uns direkt in ihren Gesang und Tanz mit einbinden. Klar, dass hier die angesammelte Müdigkeit schnell vergessen ist.

Ein neuer Name

Direkt unter unserem Hotel befindet sich eine Shopping-Mall, die natürlich ausprobiert werden muss. Im großen Supermarkt finden sich viele kleine Unterschiede zu Lidl und Co.: Die große Gewürzabteilung, das Regal voller Räucherstäbchen und richtig orange Fanta (die natürlich noch süßer ist als bei uns - wie es sich für Indien gehört). Schön ist auch, wie für indische Zungen ein "Timmerhues" zu "Timarus" wird.

 

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Kühe und Kokosnüsse

Noch einmal steigen wir in unseren kleinen Reisebus, dieses Mal vollgepackt mit unserem Gepäck. Vier Tage Jagdalpur liegen hinter uns - vor uns 8 Stunden Fahrt zum nächstgelegenen Flughafen in Raipur (hier sind die Entfernungen doch etwas anders als in Deutschland). Durch viele, kleine Dörfer und Wälder führt der Weg, bis wir an unserer Zwischenstation ankommen.

Junge Priester, Teil II

Diese Zwischenstation ist erneut ein Priesterseminar. Die hier lebenden Jugendlichen sind meistens 18 bis 20 Jahre alt - hier leben sie zusammen mit dem emerierten Bischof Simon Stock (der heute auch seinen 80. Geburtstag feiert), kümmern sich um die Ländereien und haben Unterricht.
Begrüßt werden wir mit Kokosnüssen aus eigenem Anbau. Wir trinken das Kokoswasser so frisch, wie es nur eben geht - direkt aus der Nuss, direkt aus dem Garten. Im Anschluss daran zeigen uns die Jungs den Garten: Viele, viele Palmen (eine Palme kann bis zu 100 Kokosnüsse tragen), Mangobäume, Ananaspflanzen, ein großer Fischteich. Es gibt auch ein großes Reisfeld, das von den Jungs selber gepflegt wird. Einen Basketball- und einen Volleyballplatz gibt es auch. Außerdem probieren wir noch eine andere, allen unbekannte Frucht. Schnell stellt sich heraus, warum sie niemand kennt: Für den europäischen Magen ist sie eindeutig zu sauer.
Zur Ausbildung der Jungs gehört es, ein Jahr lang selbstständig zu leben - und ohne Kontakt zur Außenwelt. Also: Kein Austausch mit der Familie, kein Fernsehen, nichts!

Leere Stadtautobahn

Nach fast 300 km Fahrt erreichen wir Raipur. Der größte Kontrast zu Jagdalpur sind auf jeden Fall die Straßen: Lange, neue, autobahnähnliche Straßen (mit Straßenbeleuchtung!) führen uns weiter. Allerdings sind diese Straßen fast komplett leer, und immer mal wieder ist eine Seite gesperrt, sodass der Bus auf die andere, falsche Fahrspur ausweicht. Und um das ganze noch absurder zu machen, liegen immer wieder Kühe auf der Straße - aber das ist halt Indien...

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Asia-Kitsch und Fettgebäck

Ein zweites Zuhause

Es ist ja doch spannend, wie schnell man bei einigen Dingen abstumpft: Zum Beispiel bei langen Busfahrten. Und so war ich auch kaum erschüttert, als uns unser Reiseleiter darauf aufmerksam machte, dass es bis Mysore, dem heutigen Reiseziel, 4 Stunden Fahrt für einen Weg sind. Aber nach der 24-stündigen Anreise nach Indien, der 4-stündigen Fahrt nach Agra, der 8-stündigen Fahrt von Jagdalpur nach Raipur und umgekehrt und dem 6-Stunden-Trip nach Dugoli erscheint das doch kaum lang.

Auf dem Weg halten wir an so etwas wie einer Raststätte an - unter anderem gibt es dort einen Spielzeugladen voller handgemachter Spielideen und Souvenirs. Schöne Spiele wechseln sich mit dem klischeehaften Kitsch ab, der oft auch in so manchen Läden im fernen Abendland zu finden ist. Voller Geschenke und um einige Rupien ärmer machen wir uns dann auf, die zweite Hälfte der Busfahrt in Angriff zu nehmen.

Barfuß im Palast

Die bekannteste Sehenswürdigkeit Mysore ist der Mysore-Palast, der 1912 (wie die Nikomedeskirche) fertiggestellt wurde und Maharaja Krishnaraya Wadiya IV  als Regierungssitz diente. Überall sind hier noch die Spuren des gestrigen Maha-Navami-Feiertags zu sehen, der früher mit einer Prozession des auf einem Elefanten reitenden Maharajas gefeiert wurde. Wir reiten zwar nicht auf einem Elefanten ein, wollen den Palast aber trotzdem besichtigen. Dazu muss man nur die Schuhe ausziehen (was aber in Indien sowieso an vielen Sehenswürdigkeiten getan werden muss).
Der Mysore-Palast ist auf jeden Fall einen Besuch wert: Im Inneren reiht sich ein Gemälde an das nächste, mit Gold geschmückte Kunstwerke stehen neben Sesseln aus Kristall und architektonisch verbindet das Gebäude Jugendstil mit muslimischen Elementen. Nur das Fotografieren ist im Inneren leider nicht erlaubt.

Süßspeisen

Zum Mittagessen suchen wir ein Buffet in einem Hotel auf. An dieser Stelle ist es auch Zeit, um ein paar Worte über indische Desserts zu verlieren. Während Hauptspeisen nicht scharf genug sein können, gilt für Desserts anscheinend genau das Gegenteil: Je süßer, desto besser. Auch hier gibt es ein sehr süßes Erdbeer-Soufflé, aber auch Gulabgamun, eine frittierte Mehlspeise. "Das fühlt sich an, als ob man nur Fett im Mund hat!" - "Das liegt daran, dass du nur nur Fett im Mund hast!" Dieser Dialog wird Gulabgamun ziemlich gerecht. Allerdings sind sie nicht nur fettig, sondern auch verdammt süß. Hiermit wird definitiv auch die letzte Schärfe der Hauptspeise aus dem Mund gejagt.

Mer losse de Dom in Mysuru

Eine zweite Sehenswürdigkeit in Mysuru ist ein römisch-katholischer Dom aus den 1930er Jahren, der ein wenig wie eine Disneyland-Version des Kölner Doms anmutet (außerdem findet man hier noch eine Nachbildung der Mariengrotte aus Lourdes). Der Dom wir im Moment allerdings renoviert, es ist nicht möglich, ihn zu betreten.

Marktschreier

Zu unserer letzten Station in Mysuru, dem Markt, bringen uns Tuk-Tuks, die uns in Autoscooter-Manier schnell, aber nur bedingt sicher zum Ziel bringen. Der Markt in Maysuru ist sehr beeindruckend: Voller Farben, Gerüche, Tiere, Menschen. Es gibt unzählige Bananen, unbekannte Früchte (und Silberkettenverkäufer, die gerne europäische Touristen verfolgen). Ein toller Ort - nur haben wir hier leider nur eine halbe Stunde verbringen können.

Barfuß im Grabmal

Auf dem Rückweg besichtigen wir noch eine Station: Gumbaz, das "Taj Mahal von Südindien". Erbaut in 1784, dient es als Grabmal für Maharaja Hyder Ali. Gumbaz ist zwar deutlich kleiner als das nordindische Pendant, die Anzahl der Souvenirhändler ist aber trotzdem vergleichbar groß. Auch hier ist das Fotografieren in der Grabkammer nicht erlaubt, und Schuhe müssen ausgezogen werden.

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Bahnhöfe und Metrobaustellen

Sowas wie ausschlafen

"This is your 6:15 wake-up call!" tönt es aus dem Telefon. So ein Weckanruf mag zwar zunächst praktisch erscheinen, allerdings nicht, wenn man am letzten Abend vergessen hat, ihn abzubestellen und man eigentlich ausschlafen könnte. Der erste feste Termin ist heute nämlich erst um 15 Uhr die

Abfahrt zum Bahnhof.


Nach diesem etwas unglücklichen Start in den Tag mache ich mich mit einigen anderen auf den Weg zur Commercial Street, der Einkaufszone Bengalurus. Bevor wir in die Tuk-Tuks steigen und uns der Abgase Bengalurus aussetzen, schauen wir aber noch in einem Musikladen gegenüber des Hotels vorbei. Und Überraschung: Indische Pianos funktionieren so wie deutsche!

Mal kurz in Europa

Die Commercial Street besteht, obwohl der Name es anders vermuten lässt, aus weit mehr als einer Straße. Fahrradläden, Damenschuhverkäufer, Souvenirhändler, Friseure, vertrauenserweckende Apotheken und Spielzeugläden mit gefälschten Disney-Prinzessinnen - das und mehr gibt es hier.
Was es hier auch gibt, ist ein Abstecher nach zuhause, denn einen Burger King gibt es auch. Zwar mit etwas anderen Menüs, aber die Einrichtung, die Gestaltung und (und das ist nicht selbstverständlich) die Qualität der Toiletten lässt sich von der Filiale in der Berliner Innenstadt nicht unterscheiden.
Den großen gelben Konkurrenten gibt es hier natürlich auch.
Den großen Kulturschock gibt es dann im Westside, einem großen Kaufhaus. Selbst die Musik, die hier läuft, ist Chartsmusik und sogar Schogetten kann man dort kaufen.

Take the A-Train!


Heute wird es Zeit, Bengaluru in Richtung Chennai zu verlassen - mit dem Zug. Der Bahnhof Bengaluru ist in etwa so, wie man sich einen indischen Bahnhof vorstellt: Laut, dreckig, voll - ein bisschen wie in Deutschland. Zwei große Unterschiede: Die Zugdurchsagen wechseln sich mit nervtötender Bollywoodwerbung ab, und die Züge sind wirklich, wirklich sehr lang. Auch unserer. Auf der etwa sechsstündigen Fahrt nach Chennai (früher Madras) ist sogar ein Abendessen mit inbegriffen (oder, der Menge nach zu urteilen, eher zwei Abendessen). Die Reihe der süßen Desserts setzt sich hier fort: Der Soan Cake sieht aus wie Glaswolle und besteht fast zur Hälfte aus Zucker.

Abends in Chennai


Um halb 10 abends fährt der Zug dann in den Bahnhof Chennai ein. Chennai ist nicht nur erneut eine Millionenstadt, sondern verfügt auch über eine bemerkenswert hohe Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Interessanterweise findet man auch hier - wie in Delhi und Bengaluru - an jeder Ecke Metrobaustellen. Ansonsten scheint Chennai, die letzte Unterkunft unserer Reise, eine sehr schöne Stadt zu sein.

 

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Butterbälle und Sarees

Von Brahma und Shiva

12 Türme schmücken die Tempelanlage Kanchipuram, die etwa 2 Stunden Fahrt von Chennai entfernt liegt, der höchste Turm ist 58 m hoch. Seit dem 13. Jahrhundert finden hier hinduistische Anbetungen und Feste statt - bis heute. Unwirklich wirkt dieser Ort: Halbdunkel, teilweise verfallen, gefüllt mit Kunstwerken, Feuern und traditionellen Gesängen. Dass Indiana Jones nicht um die Ecke schaut, verwundert.

Schon wieder barfuss!

Kaum eine halbe Stunde von Kanchipuram entfernt liegt ein weiterer, verlassene Tempel, der seit dem 9. Jahrhundert besteht. Denjenigen, die bereit sind, ihre Schuhe auszuziehen, eröffnen sich uralte Skulpturen und wunderschöne Gelegenheiten für Fotos: Umgeben von Palmen findet man hier ideale Postkartenmotive.

Handarbeit im Webstuhl


Auf dem Weg zur Stadt Mamallapuram besuchen wir eine Weberei, in der ein Saree auf traditionelle Weise hergestellt wird. 15 Tage dauert die Vorbereitung, 15 Tage die Herstellung selbst. Eine Menge Arbeit - in echter Handarbeit. Hier bekommen wir auch ein Mittagessen: Eine Art Mais-Pfannkuchen, anstatt von Tellern gibt es Blätter.

Tempel über Tempel

Mehrere hundert, uralte Tempel finden sich in der Tempelstadt Mamallapuram, die auch direkt an der bengalischen Bucht liegt. 3 Stationen dieses Weltkulturerbes besichtigen wir: Die erste, die sogenannten Tempelwägen, war jahrhundertelang vom Sand verdeckt, erst bei Ausgrabungen wurden die lebensgroßen Elefantenstatuen und die aus einem einzigen Felsen gehauenen Tempelanlagen entdeckt. Als zweites sehen wir Shivas Butterball, ein riesiger Felsblock, der durch scheinbar übernatürliche Kräfte an seine Stelle gelangt ist. Die letzte Station in Name ist der berühmte Strandtempel, der seinen Namen auch wirklich verdient hat: Kaum 100m trennen ihn von der Bucht.

 
 

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Grotten und Berge

Der letzte Tag vor der Abreise: 14 Tage Programm, unzählbar viele Kilometer, 4 Städte, 13 Reiseberichte, 3 Weltkulturerbestätten, unendlich viele Tempel, Menschen ohne Ende - doch noch ist es zu früh, ein Fazit zu ziehen - der letzte Tag liegt ja schließlich noch vor uns.

Große und kleine Berge

Und der beginnt am St. Thomas Mount, dem Berg, an dem der Apostel Thomas einer Überlieferung zufolge erstochen wurde. Ein Kreuzweg führt den Berg hoch. Nicht nur der steile Weg, sondern vorallem das heiße und feuchte Klima (typisch für Chennai) machen uns durchaus zu schaffen. Auf der Spitze des Berges befindet sich eine Kapelle, erbaut im 16. Jahrhundert von portugiesischen Einwanderern.
Nicht weit vom St. Thomas Mount entfernt befindet sich der Little Mount, dort befindet sich auch eine Grotte, in der der  Apostel gelebt haben soll.

Barfuß in der Kirche

Das Grab desselben befindet sich in der St. Thomas-Basilika, einer neugotischen Kirche. Anders als die Kapelle auf dem Berg stammt diese aber nicht aus dem 16., sondern aus dem 19. Jahrhundert und wurde von den englischen Kolonialherrschern erbaut. Blendend weiß angemalt befindet sie sich nur wenige Meter von der Küste entfernt. Auch hier müssen die Schuhe ausgezogen werden.

Barfuß im Meer

13 Kilometer ununterbrochener Strand bietet Chennai. Und kalt ist das Wasser hier auch nicht: Es erinnert mehr an eine Badewanne. Außerdem ist der Strand eine schöne Gelegenheit, den Lärm der Stadt und des Verkehrs hinter sich zu lassen.

Eine letzte Tuk-Tuk-Fahrt

Um die Umgebung des Hotels kennenzulernen, verlasse ich mit einigen anderen am frühen Abend dieses: Wir gehen vorbei an Lebensmittel- und Gewürzläden, Essensbuden und Tuk-Tuks, überqueren die verstopften Straßen Chennais (die vielen Metrobaustellen bringen doch ein gewisses Chaos mit sich) und lassen uns danach mit Tuk-Tuks zurückbringen. So zumindest die Idee: Wenn die Fahrer dieses Hotel denn kennen würden... Aber nach einigen Nachfragen kommen wir doch am richtigen Hotel heraus und machen uns bereit für die letzte Nacht in Indien.

 
 

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Das Juwel in der Krone

"Life flows on within you and without you"
- The Beatles -

Als ich im Sommer dieses Jahres mit einigen Freunden bei Rock am Ring war, haben wir uns nach 4 Tagen Festival gefragt, wie wir jetzt eigentlich wieder zurück in das deutsche Alltagsleben - geregelt, ordentlich, mit penibel gepflegten Vorgärten und Jägerzäunen - zurückkehren wollen. Doch nach 14 Tagen Indien stellt sich diese Frage noch viel mehr.

Indien ist bestimmt kein einfaches Reiseland, und wer keine Lust hat, etwas ganz, ganz anderes zu sehen und zu erleben, der sollte sich bestimmt ein anderes Ziel suchen. Allen anderen eröffnet sich ein krasser Gegenentwurf zu dem, was man kennt und eine neue Welt (und das betrifft nicht nur das Klima).

Besonders deutlich wurde das in Delhi, der Hauptstadt Indiens und erste Stadt unseres Reiseplans. Kaum vorstellbares Chaos auf der Straße, jeder Quadratmeter Platz wird ausgenutzt, neue Gerüche und Geräusche überall - man kann sich gar nicht satt sehen an dieser Stadt - ein großes Puzzle voller unterschiedlicher und neuer Eindrücke.

Wir alle haben Indien als ein Land mit reicher Kultur und langen Traditionen wahrgenommen: Die vielen Weltkulturerbestätten, die Architektur, das Essen und viele Begrüßungsrituale, die uns zuteil wurden, bezeugen das. Auch das Nebeneinander der Religionen ist ein Teil davon: Viele hinduistische Tempel gibt es zu sehen - aber auch Moscheen, Sikh-Tempel und Kirchen.

Indien ist auch ein Land voller Kontraste: Auf der einen Seite aufstrebende Großstädte, in denen neue Stadtautobahnen und Wolkenkratzer den Blick auf den Himmel versperren - auf der anderen Seite aber auch die kleinen Dörfer, die wir in Jagdalpur besuchen durften. Neue Villen und prunkvolle Paläste neben Obdachlosen und bettelnden Kindern.

Die vier Tage, die wir in Jagdalpur verbracht haben, stehen besonders hervor: Die Gastfreundschaft, mit der wir empfangen wurden und die vielen Begegnungen mit den dort lebenden Menschen waren etwas ganz Besonderes. An dieser Stelle auch noch einmal vielen, vielen Dank an unsere Gastgeber!
Auch wenn wir nun tausende Kilometer von Delhi, Bengaluru, Chennai und Jagdalpur entfernt sind: Wirklich vorbei ist diese Reise noch nicht. Die vielen Eindrücke müssen erstmal verarbeitet werden. Und vielleicht hatte unser erster Reiseführer ja recht, als er sagte:

"Ihr werdet zurückkommen!"

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